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2. Thales: High-Tech auf Bestellung statt Software auf Verdacht

2. Thales: High-Tech auf Bestellung statt Software auf Verdacht

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Thales ist kein typisches Softwareunternehmen: Der Konzern baut sicherheitskritische Systeme für Defence, Aerospace und Cyber, mit riesigem Auftragsbestand und jahrzehntelangen Entwicklungszyklen. Die Folge ist ein spannender Spagat zwischen maximaler Sicherheit, globalem Wachstum und dem Druck, mit KI und automatisierten Prozessen trotzdem schneller zu liefern.

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Chapter 1

Der 34000 Ingenieure Gigant und das 70 Prozent Geheimnis

Leonie

Wenn du an ein klassisches Softwareunternehmen denkst, dann stellst du dir vor, da setzen sich ein paar hundert Leute hin, programmieren auf eigenes Risiko ein Tool, stellen es ins Netz und hoffen, dass irgendwer ein Abo abschließt. Bei Thales läuft das, nun ja, exakt spiegelverkehrt.

Otto

Komplett spiegelverkehrt. Wir sprechen hier über einen Konzern mit 22,136 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2025. Und, jetzt halte dich fest, einem Auftragsbestand von über 53 Milliarden Euro.

Leonie

53,323 Milliarden, um ganz genau zu sein. Das, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Das sind fast zweieinhalb Jahre an gesicherter Arbeit, die da einfach schon in den Büchern stehen, bevor überhaupt eine einzige Zeile neuer Code für das nächste Quartal freigegeben ist.

Otto

Und das Verrückteste daran ist die Forschung. Thales steckt rund 4,5 Milliarden Euro pro Jahr in F und E. Das sind ungefähr zwanzig Prozent vom gesamten Umsatz. Aber, und das ist dieser Hebel, der mich total baff gemacht hat, siebzig Prozent davon zahlen nicht sie selbst.

Leonie

Sondern die Auftraggeber. Also Ministerien, Streitkräfte, Raumfahrtbehörden. Die sagen quasi: Wir brauchen ein neues Sonarsystem, wir brauchen ein luftgestütztes Radar, entwickelt uns das, und wir zahlen euch die Ingenieure schon während des Baus.

Otto

Genau. Du baust kein Produkt auf gut Glück in der Hoffnung auf Kundschaft. Du bist im Grunde ein industrieller Maßschneider für absolute Hochrisiko Aufträge. Wenn ein Verteidigungsministerium anklopft, ist der gesamte Entwicklungsaufwand vertraglich abgesichert, lange bevor der erste Testlauf startet.

Leonie

Was dann aber auch bedeutet: Du hast 34.000 Ingenieurinnen und Ingenieure. 34.000! Das ist keine kleine Entwicklungsabteilung, das ist eine mittlere Großstadt, die nur aus technischem Personal besteht.

Otto

Wobei, da stolpert man ja am Anfang direkt über so ein kleines Zahlenrätsel. In internen Fallstudien, etwa bei GitLab, liest man oft von 81.000 Beschäftigten in 68 Ländern. In den aktuellen Berichten für 2026 heißt es dann plötzlich: über 85.000 Menschen in 65 Ländern. Da fragt man sich doch erst mal: Hä? Stimmen die Zahlen nicht?

Leonie

Doch, beide stimmen. Sie zeigen einfach zwei verschiedene Zeitpunkte. Thales wächst halt unfassbar schnell durch diesen industriellen Ramp up und gezielte Zukäufe. Nimm Cobham Aerospace Communications, die wurden im April 2024 übernommen für Cockpit Kommunikation. Schwupps, hast du wieder hunderte hochspezialisierte Fachleute mehr an Bord.

Otto

Und genau diese Masse an Menschen muss am Ende des Tages Software schreiben, die niemals ausfallen darf. Wenn da ein Fehler passiert, stürzt kein Social Media Feed ab, sondern ein Flugzeug oder ein militärisches Kommunikationsnetz.

Chapter 2

Drei Welten zwei Geschwindigkeiten Wenn 3 Komma 4 Jahre Backlog auf agile Avionik treffen

Otto

Aber dieser Riese ist ja kein monolithischer Block. Wenn man sich die Zahlen für 2025 anschaut, sieht man sofort zwei völlig unterschiedliche Geschwindigkeiten aufeinanderprallen. Über die Hälfte des Geschäfts, rund 55 Prozent, ist Defence.

Leonie

12,234 Milliarden Euro Umsatz allein in der Verteidigung. Und das wächst organisch um 12,2 Prozent im Jahr. Mit einem Auftragsbuch von 41,6 Milliarden Euro. Das reicht für, warte, 3,4 Jahre rein rechnerisch!

Otto

3,4 Jahre! Das heißt, die Teams, die an Sonaranlagen für U Boote, elektronischer Kampfführung oder Luftverteidigung arbeiten, planen in Dekaden. Da gibt es Verträge, die laufen zehn, fünfzehn Jahre. Da ist Stabilität alles, jede Änderung muss zehnfach gestempelt werden.

Leonie

Und dann, direkt daneben, hast du Aerospace. 5,910 Milliarden Euro Umsatz. Und da herrscht eine ganz andere Dynamik. Auf der einen Seite hast du Thales Alenia Space, das Joint Venture mit Leonardo, 67 zu 33 aufgeteilt, wo es um Satelliten und Institutionen geht. Und die planen ja für 2027 mit Airbus das Riesenprojekt Bromo, um die europäische Raumfahrt zu bündeln.

Otto

Lange Zyklen, riesige Satelliten, ja. Aber auf der anderen Seite steht die Avionik, Stichwort FlytEDGE. Da geht es um vernetzte Systeme im Flugzeug, In Flight Entertainment, Software Updates.

Leonie

Oh, bitte erinnere mich nicht an In Flight Entertainment! Ich bin neulich Langstrecke geflogen und wollte auf diesem Touchscreen in der Kopfstütze einen Film auswählen. Du tippst drauf, wartest drei Sekunden, tippst noch mal, plötzlich springt er vier Menüs weiter. Man sitzt da und denkt: Mein Smartphone ist zehn Jahre moderner als dieses Flugzeug!

Otto

Weil das Smartphone im Zweifel neu startet, wenn eine App abschmiert. Wenn im Flugzeug die Software spinnt, darf das unter keinen Umständen das Cockpit oder die Bordsysteme stören. Früher hat die Zertifizierung für ein einziges Update Monate, teils Jahre gebraucht!

Leonie

Exakt! Aber die Fluggesellschaften sagen heute: Wir wollen unseren Passagieren neue Apps bieten, und zwar jetzt, nicht in zwei Jahren. Und genau da sitzt Thales in der Klemme: Wie bringst du die Sicherheit und die lückenlose Rückverfolgbarkeit aus der Raumfahrt mit der Release Geschwindigkeit zusammen, die Passagiere heute erwarten?

Otto

Das ist dieser Spagat. Du hast Ingenieure, die in Dreijahreszyklen denken, und Ingenieure, die wöchentlich Software auf die Flotte ausrollen müssen. Und beide gehören zur selben Firma.

Chapter 3

Das Cyber Dilemma und die Zerreissprobe der KI Produktivitaet

Leonie

Und das bringt uns direkt zum dritten Segment: Cyber und Digital. Auf dem Papier klingt das riesig: 3,852 Milliarden Euro Umsatz. Sie haben 2019 Gemalto geschluckt, im Dezember 2023 dann Imperva für Anwendungs und Datensicherheit übernommen. Aber 2025? Organisches Wachstum: minus 0,9 Prozent.

Otto

Was, ehrlich gesagt, völlig paradox wirkt. Die ganze Welt redet von Bedrohungen aus dem Netz, und die Cybersparte schrumpft leicht. Warum?

Leonie

Weil der Markt extrem umkämpft ist und viel kurzzyklischer läuft. Und für Technologiepartner ist das eine riesige Lektion. Wenn du zu Thales gehst und sagst: Hey, wir haben hier ein tolles Tool für IT Sicherheit, dann lachen die dich aus. Die haben tausende eigene Sicherheitsexperten im Haus. Denen musst du nicht erklären, was eine Firewall ist.

Otto

Du musst ihnen zeigen, wie ihre 34.000 Entwickler sichere Software bauen können, ohne dass der Prozess völlig einfriert. Und das bringt uns zu dieser heiklen Management Priorität für 2026: AI driving productivity. KI soll die Produktivität ankurbeln.

Otto

Und da schrillen bei mir alle Alarmglocken. Thales wirbt mit gefechtserprobten Lösungen, combat proven systems. Wenn du im Defence Bereich KI Code generieren lässt oder automatisierte Modelle in Gefechtsführungssysteme einbettest, wie willst du garantieren, dass da keine Halluzination drinsteckt? Wenn der Code in einem Luftabwehrsystem halluziniert, sterben Menschen.

Leonie

Stimmt, aber dreh die Medaille mal um. Thales sitzt auf 53 Milliarden Euro Auftragsbestand! Die Verteidigungsministerien stehen Schlange und sagen: Liefert schneller! Wie willst du diese gigantischen Systeme pünktlich ausliefern, wenn du jeden einzelnen Testschritt und jede Dokumentationszeile manuell abtippst? Ohne automatisierte Pipelines und KI gestützte Tests erstickt Thales schlicht an seiner eigenen Arbeitslast.

Otto

Also nicht KI, die blind Code erfindet, sondern KI, die den Entwicklern die lästige Fleißarbeit abnimmt, damit die Traceability erhalten bleibt?

Leonie

Ganz genau. Im 21. Jahrhundert gewinnt nicht das Unternehmen, das am schnellsten blind Code in die Tasten hackt. Es gewinnt das Unternehmen, das bei 34.000 Entwicklern ganz genau nachweisen kann: Wer hat wann welches Modul geändert, durch welche Sicherheitstests lief es, und ist die Software Supply Chain absolut integer?

Otto

Das ist die eigentliche Zerreißprobe. Kann ein Koloss mit 85.000 Beschäftigten gleichzeitig eine uneinnehmbare Festung für Hochsicherheitskunden sein und trotzdem schnell wie eine moderne Softwareschmiede liefern? Das müssen sie jetzt beweisen.